| Franz Kersjes ● Bildung in Not - Bundesweiter Bildungsstreik |
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| Samstag, den 05. Juni 2010 um 05:06 Uhr | |
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Die internationalen Vergleichsstudien der nationalen Bildungssysteme sorgen seit der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie im Jahr 2001 für großes öffentliches Aufsehen. Seither ist die Bildungspolitik in Deutschland zu einer zentralen politischen Auseinandersetzung geworden. Die wesentlichen Ergebnisse der PISA-Studien machen klar: • In kaum einem anderen Land ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungslaufbahn so eng wie in Deutschland. • Die Leistungsunterschiede zwischen den SchülerInnen, aber auch zwischen den Schulen sind in Deutschland groß. • Insbesondere Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund werden im Schulsystem stark benachteiligt. • Die soziale Schere öffnet sich besonders stark nach der gemeinsamen Grundschulzeit. • Die 15-jährigen SchülerInnen aller Schulformen haben im internationalen Vergleich nur durchschnittliche Lese- und Mathematik- Kompetenzen, die sich in den vergangenen Jahren nicht nennenswert verbessert haben. Deutsche Schulen produzieren nicht nur besonders wenige Aufsteiger, sondern auch besonders viele Versager. Jeder fünfte Schulabgänger kann nicht richtig schreiben. Dafür können einige wenige Alt-Griechisch. Jede/r zehnte Schüler/in verlässt in Deutschland die Schule ohne Abschluss. Während von 100 Kindern aus Akademikerhaushalten 83 die Hochschulreife erwerben, erreichen von 100 Kindern aus Nichtakademikerhaushalten nur 46 die Sekundarstufe II und nur 23 Kinder die Hochschulreife. Nur 27 Prozent der Studierenden haben Facharbeiter als Eltern; Ende der 80er Jahre lag diese Zahl immerhin noch bei mehr als 40 Prozent. Umstrittene Schulformen Im jüngsten Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen wurde über die Zukunft von Gymnasium, Realschule und Hauptschule heftig gestritten. SPD, Grüne und die LINKE wollen sich für eine längere gemeinsame Lernzeit der Kinder einsetzen. Die CDU will das dreigliedrige Schulsystem erhalten und setzt sich als einzige Partei für den Fortbestand der Hauptschule ein. Und die FDP fordert in ihrem Wahlprogramm ein „Schulfreiheitsgesetz“, um den Schulen „die wirkliche pädagogische, personelle und finanzielle Autonomie“ zu gewähren. Die LINKE hat der schwarz-gelben Landesregierung vorgeworfen, „den Klassenkampf von oben“ mit Studiengebühren und weiterer „Verschärfung der Selektion im Schulsystem“ vorangetrieben zu haben, und plädiert für einen radikalen Umbruch. Eine Einheitsschule soll alle Kinder bis zur zehnten Klasse zusammenfassen. Die Oberstufen jeweils mehrerer Gymnasien und Gesamtschulen sollen in so genannten Oberstufenzentren zusammengelegt und mit den Berufskollegs zu einem „umfassenden System der Sekundarstufe II“ entwickelt werden. Anders als die LINKE will die SPD die Grundschule um die Klassen fünf und sechs verlängern und danach den Eltern, der Schule und dem Schulträger überlassen, ob ab der siebten Klasse weiterhin ein gemeinsamer Unterricht stattfindet oder ob eine Differenzierung beispielsweise in Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialklassen vorgenommen wird. Die Grünen thematisierten das Steuerungsproblem in ihrem Wahlprogramm und forderten ein „integratives Schulsystem“, in dem alle Kinder bis zum Ende der Pflichtschulzeit gemeinsam unterrichtet werden sollen. In jedem Bundesland steht derzeit die Schulpolitik auf dem Prüfstand. Das dreigliedrige Schulsystem soll in einigen Bundesländern durch eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen ersetzt werden, ergänzt durch eine Sonder- bzw. Förderschule. Bayern und Baden-Württemberg wollen an den Strukturen nichts ändern. Aber die Mehrheit der Deutschen wünscht sich ein Ende des Bildungsföderalismus. Nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach sprechen sich 61 Prozent der Befragten für eine Zentralisierung der Bildungspolitik aus, um überall in Deutschland die gleiche Qualität der Schulen und ein einheitliches Bildungsniveau zu gewährleisten. Bildungsstreiks zum Bildungsgipfel So investiert Deutschland gerade mal 4,8 Prozent seines BIP in Bildung – nicht viel mehr als die Slowakei, weit abgeschlagen hinter Spitzenreiter Island und auch deutlich unter dem OECD-Schnitt von 5,8 Prozent. Trotzdem hat die Bundeskanzlerin die Bildungsrepublik als Ziel ausgerufen. Obwohl die Steuereinnahmen sinken und die Verschuldung des Staates gewaltige Dimensionen erreicht hat, soll die Finanzierung der Bildungseinrichtungen deutlich verbessert werden. Im Koalitionsvertrag wurden zusätzliche 12 Milliarden Euro für Bildung und Forschung vereinbart. Auch die für Bildung zuständigen Länder sollen mehr für Bildung ausgeben. Woher das Geld kommen soll, bleibt unklar. Verbessert hat sich für SchülerInnen und für die Studierenden bislang nichts. Im Gegenteil. Seit Jahren demonstrieren SchülerInnen und Student/inn/en gegen die miserablen Bedingungen und Zustände an deutschen Schulen und Universitäten. In einem Bildungsstreik-Bündnis haben sich Schüler- und Studentenvertretungen genauso wie Gewerkschaften aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengeschlossen. Die Proteste und Streikaktionen an den Hochschulen richten sich vor allem gegen die Umsetzung der Studienreform mit den Bachelor- und Masterstudiengängen und die damit verbundene Verschulung des Studiums. Außerdem kritisieren die Studierenden die Überfüllung der Unis und den finanziellen Druck durch Studiengebühren. Die SchülerInnen fordern die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems und stattdessen die flächendeckende Einführung der Ganztags-Gesamtschule. Darüber hinaus wollen sie zurück zum Abitur nach 13 Jahren statt des „Turbo-Abiturs“ nach zwölf Jahren. Sie beklagen, dass bei der Umstellung auf das Abitur bereits nach zwölf Jahren der gesamte Unterrichtsstoff aus 13 Jahren in die kürzere Zeit gezwängt wurde. Im Sommer des vergangenen Jahres demonstrierten in über 100 Städten mehr als 270.000 Menschen, vor allem SchülerInnen, Studierende, Auszubildende, Erwerbstätige und Erwerbslose gemeinsam gegen die unzumutbaren Zustände im Bildungssystem. Zum „Bildungsgipfel“ der Bundesregierung am 10.Juni 2010 ruft das Bildungsstreik-Bündnis nun erneut zu einer gemeinsamen Aktionszeit und für den 9.Juni bundesweit zu dezentralen Demonstrationen auf. In dem Aufruf heißt es unter anderem: Ein ganz anderes Lernen und Leben ist möglich und nötiger denn je!“ Franz Kersjes (Juni 2010 - http://www.weltderarbeit.de) |

