| TIPP ● Brot und Spiele für das Volk - Politik und Wirtschaft profitieren von sportlichen Großereignissen |
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| Samstag, den 19. Juni 2010 um 04:00 Uhr | |
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Heike Langenberg auf ver.di NEWS: Seit dem 11. Juni rollt der Ball wieder, diesmal in Südafrika. Einen Monat lang wird die Fußball-Weltmeisterschaft die Schlagzeilen beherrschen - und so manch eine/r mag sich mit verklärtem Blick an das so genannte Sommermärchen der Fußball-WM 2006 in Deutschland erinnern. Da klingt es fast schon despektierlich, wenn Torsten Heinmann und Christine Resch im Titel des von ihnen herausgegebenen Buchs von "kulturindustriellen Fußball-Spektakeln" sprechen. Versammelt haben sie darin Aufsätze verschiedener Gesellschaftswissenschaftler/innen der Universitäten Frankfurt/Main und Wien (in Österreich und der Schweiz fand 2008 die Fußball-Europameisterschaft statt). Sie alle analysieren, wie wenig Spontaneität und wie viel Planung hinter einem solchen Event stecken. Beispiel Begeisterung: Was sich Fans nicht nehmen lassen wollen, ist Teil einer langfristigen Strategie. Schon vor der WM wird eine Erwartung geschürt durch Veröffentlichungen in Medien, aber auch durch Werbung im Umfeld eines solchen Großereignisses. Fanzonen mit Public Viewing haben längst nichts mehr mit ihrem Ursprung gemein, dass die Menschen sich um die wenigen vorhandenen Fernseher versammelten wie in den 50er-Jahren. "Durch Reglementierungen der Veranstalter wie der Uefa und Standardisierung der Abläufe im Fanverhalten, wie zum Beispiel der Stimmungsaufbau, angeheizt von Animateuren, oder die immer gleiche Siegesfeier, an deren Ausmaß man nichts über die Wichtigkeit eines Spiels ablesen kann, verliert das ,Public Viewing' (...) den Reiz des spontanen Sommerfests in überdimensionaler Größe und wird zu einem planmäßig ablaufenden Event", schreibt der Soziologiestudent Kai Praun. Ein Event, bei dem Fifa und Uefa das finanzielle Risiko auf die örtlichen Veranstalter abwälzen, aber gleichzeitig für eine Standardisierung solcher Veranstaltungen sorgen. "Zuschauer-Sport wird natürlich nicht vom Fernsehen ,übertragen', er wird vom Fernsehen und für das Fernsehen inszeniert", stellen die Soziologen Christine Resch und Heinz Steinert fest. Eine Inszenierung, die Zuschauer/innen braucht. Aber eine, von der andere profitieren. "Es ist vor allen Dingen ein großes Geschäft für die Fußballverbände. Sie verfügen über die Macht des Monopols", schreiben sie weiter. Doch auch die Politik erfreut sich daran, das Volk abzulenken, Brot und Spiele, wie schon im alten Rom. Daher fließen staatliche Subventionen, zum Beispiel in den Bau von Stadien: "Die Politik protegiert die Wirtschaft, die sorgt im Gegenzug dafür, dass das ,Volk' mitmacht." So gesehen ist der Buchtitel treffend - und der Inhalt des Buches bietet mit seinen unterschiedlichen Aspekten rund um Fußball-Großereignisse, die auch auf andere sportliche Großereignisse zu übertragen sind, viel Nachdenkenswertes, nicht nur für die Spielpausen.
„(K)ein Sommermärchen: kultur-industrielle Fußball-Spektakel“ Torsten Heinemann, Christine Resch (Hrsg.), Westfälisches Dampfboot, Münster, 235 Seiten, 24,90 Euro, ISBN: 978-3896917959 |

